Rossini: Petite messe Solennelle    

Die Jugendkantorei Dillenburg führt die Rossini-Messe bereits zum dritten Male auf. Die Solistinnen Monika Brustmann und Beela Müller sind bereits mehrfach im Rahmen der Bachwochen aufgetreten. Die Solisten Martin Wanner und Bardo Menke geben hier ihr Debut. Der Pianist Dietmar Seibert hat schon mehrfach bei Aufführungen der Rossini-Messe mitgewirkt. Die Jugendkantorei führt das Werk zusammen mit der St. Nikolai-Kantorei Frankfurt a.M. auf, dessen Leiter, Andreas Schmidt, aus Haiger stammt. Eine zweite Aufführung findet daher eine Woche später in Frankfurt a.M. statt.

Zur Veranstaltung

Giocchino Rossini (1792-1868) erzielte seine größten Erfolge auf dem Gebiet der italienischen Opera buffa, aber auch auf dem der französischen Grand Opera. Seine 39 Opern schrieb Rossini in einem Zeitraum von nur 19 Jahren (1810-1829), wovon die >Oper "Il barbiere di Siviglia (Rom 1816) die bekannteste geworden ist.
Nach dem großen Erfolg seines "Guillaume Tell" (Paris 1829) zog sich Rossini als 37-jähriger aus dem aufreibenden europäischen Operngeschäft zurück und trat als Komponist der Öffentlichkeit gegenüber fortan kaum noch in Erscheinung, sieht man von einigen Vokalmusiken für Kirche oder private Gelegenheiten und einer Anzahl kleiner, von Rossini als "Alterssünden" bezeichneter und deshalb zum Druck nicht freigegebener Gesangs- und Klavierstücke (ca. 150) ab. Heinrich Heine konnte somit 1847 sarkastisch feststellen, Rossini sei "bei lebendigem Leibe todt" (Augsburger Allg. Zeitung, 7.2.1847). Die einzigen in der Öffentlichkeit bekannt gewordenen und entsprechend gefeierten Ausnahmen von dieser kompositorischen Genügsamkeit bildeten das berühmt gewordene "Stabat mater" (1832, fertiggestellt 1841) und die "Petite Messe solennelle" (1863).
Letztere hat Rossini als 71-jähriger im Sommer 1863 in Angriff genommen. In einer Art Vorwort zur handschriftlichen Partitur betitelte er sie als "Petite Messe solennelle [= kleine festliche Messe], für vier Stimmen mit Begleitung von zwei Klavieren und Harmonium, komponiert während meines Aufenthaltes auf dem Lande in Passy [bei Paris]". Augenzwinkernd fährt Rossini fort: "Zwölf Sänger der drei Geschlechter - Männer, Frauen und Kastraten - genügen für ihre Aufführung, d.h. acht für den Chor und vier für die Soli, im ganzen zwölf Cherubim. Gott, verzeihe mir den folgenden Vergleich, Zwölf an der Zahl sind auch die Apostel in dem berühmten "Coup de machoire" [Anspielung auf den Judas-Kuss], dem von Leonardo als Fresco gemalten sogenannten "Letzten Abendmahl"; wer würde es glauben! RossiniUnter Deinen Jüngern waren einige, die einen falschen Ton anschlugen!! Gott, sei versichert, ich schwöre Dir, daß Bei meinem Mahl kein Judas sein wird, und daß die Meinigen richtig und "con amore" Dein Lob und diese kleine Komposition singen werden, die leider die letzte Todsünde meiner alten Tage ist." Das Autograph enthält auch den folgenden geistreich-humorvoll formulierten "Brief an Gott": "Gütiger Gott, da haben wir sie nun vollendet, diese armselige kleine Messe. Ist es wirklich geistliche Musik, die ich da geschrieben habe, oder ist es bloß abscheuliche Musik? [Rossini spielt hier mit dem französischen Wort "sacree", das sowohl geistlich/heilig als auch verdammt/abscheulich bedeuten kann - "musique sacree" und sacree musique".] Ich wurde für die Opera buffa geboren, wie Du gut weißt! Ein wenig Geschick, ein wenig Herz, das ist alles. So sei Du gepriesen und nimm mich auf ins Paradies. G. Rossini, Passy, 1863."

Die erste Aufführung der Messe fand am 14. März 1864 in Paris im Salon des Hauses von Comte Pillet-Will statt, anlässlich der Einweihung von dessen kleiner Privatkapelle. Wie die Pariser Journale berichteten, bestand der Chor aus nicht mehr als etwa 20 Sängern, allesamt Studenten des Pariser Konservatoriums.; die Solisten stammten vom Pariser Theatre-Italien. Rossini gab zu Beginn jedes Satzes das Tempo an und blätterte die Notenseiten für einen der Pianisten um. Unter den Zuhörern befanden sich die Komponisten Daniel Francois Auber, Giacomo Meyerbeer und Ambroise Thomas. Die Aufführung wurde zu einem großartigen Erfolg für Rossini, und das Werk fand bald rasche Verbreitung in den Musikzentren Europas; 1870 kam es gar zu einer Aufführung in Sydney, Australien. Wenige Monate nach der Uraufführung berichtete der Pariser Korrespondent der Leipziger Allgemeinen Zeitung: "Welche grosse Sensation die Aufführung einer neuen Messe von Rossini gemacht hat, haben Sie schon berichtet. Alles was Paris an Celebritäten besitzt, war da versammelt, um das neue Werk des 72-jährigen Komponisten zu hören... Auch Meyerbeer sahen wir da zuletzt, der in den allgemeinen Enthusiasmus einstimmte. Das Werk vereinigt aber auch in sich allen Glanz des italienischen Colorits, alle Klarheit, die den italienischen Meistern eigen ist, mit einer weit grösseren Innigkeit des Ausdrucks, einer grösseren Beherrschung der strengen Kunstformen, als man sie von Rossini erwarten konnte" (29.6.1864).
Ein charakteristischer, für das Verständnis der "Petite messe solennelle" nicht unwesentlicher Zug in Rossinis Spätschaffen, vor allem in seinen als "Peches de vieillesse" (Alterssünden) bezeichneten Klavierstücken, sind die oft bizarren, von heiter-ironischen bis spöttischen Einfällen reichenden Titel: "etude asthmatique", Mon prélude hygiénique du matin", "Hachis romantique", "Valse anti-dansante", um nur einige zu nennen. Dies setzt sich fort in der Messe mit Tempobezeichnungen wie "Allegro Cristiano" /Beginn des Credo) oder Satzüberschriften wie "Preludio religioso" (Nr. 11), von denen man nicht weiß, ob sie ironische Distanz bedeuten oder umgekehrt liebevoll-heitere Verbundenheit mit der sakralen Aura dieser Messkomposition signalisieren sollen. Dass Rossini die Messe im Vorwort der Partitur dann auch als "letzte Todsünde meiner alten Tage" bezeichnet hat, deutet ebenfalls auf eine gewisse Nähe zu den "Pechés de vieillesse". Ebenso dürfte der Titel der Messe selbst - "Petite messe solennelle" (kleine festliche Messe) - nicht ohne hintergründige Ironie gewählt sein und zeugt vielleicht von einem nachdenklichen Reflektieren über Sinn und Unsinn bzw. Wert und Unwert der Kirchenmusik zu Rossinis Zeit. Denn weder ist die Messe von ihrer Besetzung und ihrem musikalischen Habitus her als ausgeprägt "festlich" zu bezeichnen (zum Typus der "Missa solemnis" gehörten traditionellerweise z.B. Trompeten und Pauken), noch ist sie "klein", zumindest nicht im quantitativen Sinne (das Werk umfasst immerhin 2068 Takte). Rossini zeigt durch seine Komposition, dass eine Messvertonung, um als bedeutend gelten zu können, nicht gleich die Merkmale des Typus "Missa solemnis" aufweisen muss, sondern auch mit bescheideneren Mitteln, ja sogar unter den Bedingungen einer Salonmusik (Klavier, Harmonium) Größe und tiefempfundene Religiosität auszustrahlen vermag, auch wenn sie untertreibend als "klein" und "armselig" (s.o.) bezeichnet wird.
Wie ernst es Rossini mit seiner als Schlussstein der eigenen kompositorischen Laufbahn empfundenen Messe war, zeigt sich an dem Engagement, dass er der Vertonung des Messtextes hat angedeihen lassen. Tiefbewegend und unmittelbar emotional ergreifend sind die durch flehenden oder klagenden Charakter bestimmten Sätze "Kyrie eleison", "Qui tollis" und "Agnus Dei" gehalten, wobei dem Komponisten das in nahezu 40 Opern gewonnene musik-dramatische Vokabular und seine Erfahrung im Transportieren von Gefühlen natürlich sehr zustatten gekommen ist. Auch sonst scheute sich Rossini nicht, Topoi der Opernsprache anzuwenden, wo es ihm sinnvoll erschien. Beispielsweise ist in der Tenorarie "Domine Deus" der Typus des Heldentenors unüberhörbar (großintervallige Aufwärtssprünge, punktierte bzw. marschähnliche Rhythmen, kraftvolle Akzente, wirkungsvolle Kadenzbildungen auf dem hohen A als charakteristische Merkmale), was bedingt sein mag durch entsprechende, das Bild eines Helden assoziierende Stichworte des Textes: "Herr", "König", "Allmächtiger". Große Meisterschaft beweist Rossini auch bei der Anwendung harmonischer und kontrapunktischer Techniken. Davon künden im harmonischen Bereich häufige und z.T. ungewöhnliche Modulationen sowie reichhaltiger Gebrauch von Enharmonik und Chromatik. Im kontrapunktischen Bereich überrascht z.B. das "Christe eleison", ein strenger Doppelkanon zwischen Bass und Alt sowie Tenor und Sopran. Die Schlussfugen der Gloria- und Credo-Teile sind trotz ihres kunstvollen Baues keine statischen Gebilde, sondern frische, von übertriebenem kontrapunktischen Ballast freigehaltene Meisterstücke.
Obwohl Rossini in einem Brief vom 23. März 1866 die Begleitung der Messe mit zwei Klavieren und Harmonium nur als Provisorium bezeichnete, konnte er sich trotz heftigen Drängens seiner Zeitgenossen nur schwer zu einer Orchestrierung entschließen. Erst die Sorge, dass seine Messe andernfalls in die Hände berühmt-berüchtigter Orchesterbearbeiter geraten könnte - Rossini 1867 (laut Emil Naumann) ironisch: "findet man dieselbe [= die Messe] nun in meinem Nachlass, so kommt Herr Sax mit seinen Saxophons, oder Herr Berlioz mit anderen Riesen des modernen Orchesters, wollen damit meine Messe instrumentiren und schlagen mir meine paar Singstimmen todt, wobei sie auch mich selbst glücklich mit umbringen würden" -, veranlasste ihn 1867, seine Messe mit einer bedachtsam ausgeführten Orchesterbegleitung zu versehen. Dennoch gab er zeit seines Lebens keine Zustimmung zu einer Aufführung dieser Fassung, sie erklang erstmals im Februar 1869, drei Monate nach seinem Tod.
Rossinis eigenen Präferenzbekundungen folgend, entschieden wir uns zwischen beiden Fassungen für die frühere, weitaus originellere, mit zwei Klavieren und Harmonium. Das zweite Klavier hat jedoch lediglich eine klangverstärkende Funktion innerhalb der vollstimmigen Abschnitte, weshalb es sich bei Gebrauch der heutigen, im Klangvolumen kräftigeren Klaviere erübrigen lässt.


Sonntag, 26. November,  18 Uhr

Ev. Kirche, Haiger

DM 30,- 
DM 25 (DM 20,-)

Karte und Infos von Haiger
In der Nähe der Kreuzgasse befindet sich ein Parkplatz, von dem aus die Kirche bequem erreicht werden kann.
Ihr Weg nach Haiger:
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